Marco Pejrolo Fotograf

Seit ich denken kann, wohnen in meiner Brust zwei große Leidenschaften: das Theater und die Fotografie. Leidenschaften, die sich stets gegenseitig genährt haben. Ich habe versucht, beide parallel zu pflegen, auch wenn in den verschiedenen Phasen meines Lebens oft eine die Oberhand über die andere gewann.

 

Am Theater war ich über 30 Jahre als Schauspieler und Regisseur tätig. Dank meiner Ausbildung als Darsteller und der ständigen Präsenz auf der Bühne konnte ich spezielle “Muskeln” trainieren wie Empathie, Demut, Beständigkeit, Zuhören, Vertrauen, Strenge, Mut und Vorstellungskraft. Ich habe gegen Feinde gekämpft, die sich Vorurteil, Hochmut, Machtmissbrauch, Ausgrenzung oder vorgefasste Meinung nennen. In der bequemeren und nachdenklicheren Rolle des Regisseurs habe ich gelernt komplexe Inhalte zu schätzen, unterschiedliche Ausdrucksformen zu vermischen, um sie letztendlich zu einer einzigen Botschaft zusammenzufügen. 

Ich habe gelernt selbst schwierige und sehr komplexe kreative Prozesse zu leiten und Empathie für die Menschen zu empfinden, mit denen ich arbeite, sowie Verantwortung zu übernehmen für die Reaktionen des Publikums und dessen Urteil.

 

Ich habe gelernt, den Bühnenraum wie einen Film zu verstehen, der belichtet werden soll, um darin langsam die Bilder entstehen zu lassen, die für den Zuschauer bestimmt sind. Bilder, die aus Körpern, Gesichtern, Gebärden, Worten, Stimmen, Formen, Farben, Bewegung, Musik und Rhythmus bestehen. 

Ich habe mit der erzählerischen Macht der Beleuchtung experimentiert und deren Fähigkeit, Gestalten und Gesichter zu meißeln, zu enthüllen und zu verbergen, im Wechselspiel von Licht und Schatten.

 

Dem Theater verdanke ich viel, auch als Fotograf.

Damals begleiteten mich die alten analogen Fotoapparate, die ich in einer Schublade meines Schwiegervaters entdeckt hatte. Ihn habe ich nur auf einem Foto gesehen und kennengelernt durch die vielen Dias, die er im Laufe seiner Reisen rund um den Globus aufgenommen hatte. Im Stillen habe ich ihm dafür gedankt, dass er manche seiner Fotoapparate sowie einige sehr wertvolle Linsen zu Hause gelassen hatte, als er zu seiner letzten Reise aufbrach, von der er niemals zurückkehrte. Er wurde in Grönland von einem Gletscher aufgehalten. Ein Negativ belichtet auf einem Film aus Eis. Danke Giorgio. Danke an seine Tochter Maria Giulia für ihre Ermutigung, dieses Erbe anzutreten. Ich hoffe mich diesem Erbe würdig zu erweisen.

Nach und nach haben menschliche Personen Einzug in meine Schnappschüsse gehalten, beinahe klammheimlich und unbemerkt, bis sie schließlich meine Lieblingsobjekte wurden. Dies geschah auch dank meiner Art und Weise im Studio Portraits aufzunehmen, wo ich das Licht - wieder - wie in einem kleinen Theater benutzte.

Diese Zeitspanne war vom Übergang zur digitalen Technik gekennzeichnet, die damals am Anfang ihrer Entwicklung stand und ich mit ihr. Gleichzeitig war ich als Schauspieler viel auf Tournee in Argentinien, Chile, Uruguay, Ecuador, Kanada, Südafrika, Mexiko. Kuba und Guatemala.

Die Leidenschaft für die Fotografie wurde immer von meinen Erfahrungen  auf der Bühne genährt. In gewisser Hinsicht ist sie dessen Vervollkommnung, bisweilen sein Ausgleich. Ständig von der Öffentlichkeit belichtet zu sein, zuweilen überbelichtet als Schauspieler oder Regisseur, führte bei mir dazu, dass ich mir einen Ausgleich suchte. Etwas, das mich schützte, mich vor der Welt versteckte und mir den Luxus zuteil werden ließ, selbst Betrachter anderer Akteure zu werden. Die Fotografierten wurden zu Schauspielern, die sich dessen nicht bewusst sind. Aus der behaglichen Einsamkeit hinter dem Sucher einer Kamera war es mir vergönnt eine neue Komplexität zu beobachten, neue Gestalten, Lichtspiele, zufällige Zusammentreffen, alltägliche Begebenheiten. Ich arbeitete auch hier wieder als Regisseur und spielte dabei mit Fragmenten, entnommen aus der Wirklichkeit, ausgewählt und festgehalten von einem Klick. Mein eigener Klick!

Zu Beginn war es die Suche nach zufälligen Begebenheiten, die meine Hand beim Schnappschuss lenkte: unerwartete geometrische Gebilde oder täuschende Reflexe ähnlich den Fotomontagen. Diese Effekte stammten aber nicht aus Bildbearbeitungen am PC, sondern aus der reflektierenden Oberfläche einer Wasserpfütze oder eines Fensters. Ich gab mich der Illusion hin, dass diese sich selbst genügen würden. Manchmal war es auch so. Meine ersten Fotos, die ich in München ausstellte, waren in der Tat reflektierte Lichtspiele. Das barocke Spiel der Reflexe faszinierte mich. Es machte mir Freude. Im Grunde brachte ich nur bereits existierende Wirklichkeit zum Vorschein. Wichtig war nur, mich in den richtigen Winkel zu stellen. Ich konnte sehen, was zerstreute Passanten oft nicht wahrnahmen. An diesen “Spieltisch” des Zufalls waren selten Menschen aus Fleisch und Blut eingeladen. Ich bevorzugte meine Partien mit Licht zu gewinnen und bediente mich hierfür an Plakaten, Bäumen, Pfützen, Wolken, Autos und großen Schaufenstern. Diese Gegner waren zahmer und weniger launisch als Menschen. 

Mein Auge war durch die vielen neuen Eindrücke stimuliert wie noch nie. Die Einfachheit der digitalen Fotografie hat am Ende meinen Geist betäubt, der eigentlich mein Auge zur bedächtigen Auswahl der Aufnahmen hätte führen sollen. Schließlich war meine Verwirrung so groß, dass ich mich gezwungen sah, den Rückzug anzutreten zum viel weniger bequemen Mittelformat, um die Überlegenheit des Fotografen gegenüber dem Gerät zu behaupten. Diese Lektion habe ich bis heute nicht vergessen, auch wenn ich jetzt seit Jahren wieder zum Bit-Schnappschuss zurückgekehrt bin. 

Nun bin ich nur mehr mit meiner Leica M9 und meiner Sony Alpha unterwegs. Ein perfektes Set für die Street Photography, meine wahre Leidenschaft.